Wir sind Migrant*innen, mit und ohne Papiere, Geflüchtete, Asylsuchende. Wir sind Kinder von Immigrant*innen, Eltern von europäischen Bürger*innen. Wir sind erst kürzlich in Europa angekommen oder leben schon seit Jahrzehnten hier, wir sind hier geboren.

Wir sind hierhergekommen, nachdem Europa zu uns gekommen ist.

Ohne uns läuft nichts: Keine Gesellschaft kann ohne uns bestehen, keine Wirtschaft kann ohne unseren Beitrag wachsen.

Wir kümmern uns um die Alten, Kinder und Nachbar*innen, wir machen die unsichtbare und unbezahlte Arbeit, die unsere Gemeinschaften am Leben erhält.

Wir sind Bus-, Taxi- und Lieferfahrer*innen, Köch*innen, Ladenbesitzer*innen, Lehrer*innen, Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen, Kunstschaffende und Sportler*innen, wir sind Sexarbeiter*innen. Wir reparieren Autos, Telefone und Computer, wir bauen Häuser.

Wir sind Saisonarbeiter*innen, Leiharbeitnehmer*innen, Beamt*innen, studentische Hilfskräfte, wir haben feste Verträge oder kombinieren mehrere Jobs, wir sind Teil der Gig Economy.

Wir sind ohne Papiere beschäftigt. Wir sind hinter Gittern beschäftigt. Wir sind vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Einige von uns sind in Rente, andere können sich das nicht leisten.

Überall in Europa haben wir die langjährige Ausbeutung unserer Verwandten, Nachbar*innen und Freund*innen miterlebt. In allen Ländern instrumentalisieren uns rassistische Politiken und behandeln uns als wären wir wegwerfbar.

Wenn wir keine Papiere haben, sind wir Missbrauch, Unterdrückung und Abhängigkeit ausgeliefert. Und wenn wir Arbeitserlaubnisse haben, schützen diese uns nicht und binden uns an unsere Arbeitgeber*innen.

Wir haben jahrzehntelang politische Entscheidungen und Maßnahmen erlebt, die darauf abzielen, uns zu Kriminellen zu machen, und die Bedingungen für groß angelegte Ausbeutung schaffen, indem sie uns den Zugang zur Legalisierung verwehren, uns einsperren und abschieben.

Dieses System wurde durch jahrhundertelange Investitionen in Krieg und Konflikte, wirtschaftliche Ausbeutung und Rohstoffabbau, Klimazerstörung und Kolonialismus ermöglicht, die die Mehrheit der Weltbevölkerung dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen.

Auf unserem Weg hierher wurden wir an Land erschossen, im Mittelmeer ertränkt, stigmatisiert und ungestraft ermordet.

Wir sind geschlechtsspezifischer Gewalt, Vergewaltigung und Missbrauch ausgesetzt. Wir werden nicht geschützt.

Wir haben genug von Gewalt.

Jetzt, wo wir hier sind, entscheiden Regierungen, wer ein*e gute*r Migrant*in ist und wer nicht, wer es verdient zu arbeiten und wer nicht. Rassistische Narrative stellen uns als Sozialbetrüger*innen und Jobdieb*innen dar.

Wir haben genug von Rassismus und Diskriminierung.

Wir nutzen unsere Arbeitskraft als Mittel des Widerstands, denn das ist alles, was das System anerkennt.  Aber wir hoffen, dass wir für unsere Kinder eine Welt schaffen werden, in der unser Wert nicht an die Teilnahme am Wirtschaftsleben gebunden ist.

Wenn wir für unsere Freiheit kämpfen, kämpfen wir für die Freiheit aller, denn wenn wir leiden, leidet die gesamte Gesellschaft. Und wenn unsere Rechte angegriffen werden, werden die Rechte aller angegriffen.

Wir rufen unsere Nachbar*innen, Kolleg*innen und Freund*innen dazu auf, sich uns anzuschließen, während wir Rechte und Gerechtigkeit einfordern.

Wir rufen Gewerkschaften, feministische Gruppen, queere Aktivist*innen, Jugend- und Student*innenorganisationen sowie alle Solidaritätsbewegungen dazu auf, sich unserem Kampf anzuschließen.


Wir fordern:

  • Sicherheit und Schutz für alle Migrant*innen, einschließlich Frauen, Kinder, queerer und trans Communities, Sexarbeiter*innen, religiöse Minderheiten und rassifizierte Gemeinschaften, die am stärksten von Ausbeutung und Missbrauch bedroht sind.
  • Bewegungsfreiheit und Zugang zu Rechten für alle Migrant*innen: diejenigen, die mit Arbeitserlaubnis arbeiten, diejenigen, die ohne Papiere arbeiten, diejenigen, die nicht arbeiten, diejenigen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind.
  • Die Abschaffung von Gefängnissen und Abschiebeknästen, in denen Migrant*innen inhaftiert sind und von denen einige arbeiten, sowie öffentlicher Support für diejenigen, die abgeschoben wurden.
  • Die Wahrung des Rechts auf Asyl, des Rechts auf Bewegungsfreiheit zur Asylsuche und des Rechts auf Arbeit für Asylsuchenden.
  • Anerkennung von Vergewaltigung, sexueller und häuslicher Gewalt als Formen geschlechtsspezifischer Verfolgung und als Asylgründe, insbesondere da sie Migrantinnen und andere Personen betreffen, die auf Fluchtrouten, am Arbeitsplatz und im häuslichen Umfeld Gewalt ausgesetzt sind.
  • Anerkennung unbezahlter Pflege- und Hausarbeit als Arbeit und als Beitrag zur Gesellschaft, der Menschen, insbesondere Frauen, die in jeder Gesellschaft die Hauptpflegepersonen sind, die gleichen Rechte wie anderen Arbeitnehmer*innen einräumt.
  • Vereinigungsfreiheit, Tarifverhandlungsrechte und Unterstützung von Selbsthilfeaktivitäten für alle Migrant*innen, mit und ohne Papiere, erwerbstätig und nicht erwerbstätig, damit sie für ihre Rechte kämpfen können, ohne Angst vor Abschiebung haben zu müssen.
  • Ein Ende der Politik, die Migration kriminalisiert, durch Strafgesetze, die sich gegen Menschen auf Fluchtrouten, Migrant*innen ohne Papiere und Arbeitnehmer*innen in nicht anerkannten Branchen wie der Sexarbeit richten.
  • Legalisierung aller Migrant*innen ohne Papiere und garantierter Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen, Bildung und dem formellen Arbeitsmarkt sowie das Recht auf Familienzusammenführung für alle.
  • Desinvestition aus allen Branchen, die von der Diskriminierung und Ausbeutung von Migrant*innencommunities profitieren.


Wie wir uns organisieren und wie man Teil der Bewegung wird

Die Bewegung wurde von der „Migrant Justice Community of Practice“ ins Leben gerufen, einem Zusammenschluss von Organisationen, die von Migrant*innen und von rassifizierten Menschen geleitet werden und sich dafür einsetzen, die europäische Migrationspolitik weg von Bestrafung, Gewalt und Kontrolle hin zu Gemeinschaft, Fürsorge und sozialer Absicherung zu verlagern.

In den nächsten zwei Jahren werden wir uns in unseren Communities organisieren, um eine große Bewegung aus Streiks, Aktionen und Mobilisierungen aufzubauen, die Gerechtigkeit und Rechte für Migrant*innen und damit für alle Menschen fordert, die von Ungleichheit, Gewalt und Ausbeutung betroffen sind.

Um Teil zu werden, kannst du lokale Aktionen für die Rechte von Migrant*innen, Boykotte und andere Veranstaltungen organisieren. Wenn du dich uns anschließen möchtest, kontaktiere uns unter migrantjusticecop@protonmail.com.


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